Südtirol zwischen Tradition und Moderne
Ein Land ohne seine Kultur ist wie ein Körper ohne seine Seele. Dies nimmt man sich in Südtirol besonders zu Herzen und pflegt die alten Traditionen mit größter Sorgfalt. Die Südtiroler sind stolz auf ihr Brauchtum und fühlen sich auch nach Jahrhunderten noch eng mit ihm verbunden.
Das auffälligste Merkmal der Südtiroler Kultur ist wohl der eigene Dialekt, welcher für Fremde meist schwer zu verstehen ist und zwischen den verschiedenen Orten auch noch stark variieren kann. Doch nicht nur sprachliche Unterschiede heben die einzelnen Regionen voneinander ab, sondern auch die Vielfalt der Traditionen. So gehört der Kirchtag-Michl einfach in das Pustertal, das Scheibenschlagen nun einmal in den Vinschgau und der Leonhardiritt nach Alta Badia.
Äußere Einflüsse sind einer der Hauptgründe für die unterschiedliche Entwicklung. Während die Bewohner abgeschiedener Täler ihre ursprüngliche Lebensweise bewahrten, wurden die Städte stark multikulturell geprägt. Ein treffendes Beispiel dafür sind die Weihnachtsmärkte in Bozen, Meran, Brixen, Bruneck oder Sterzing, welche keine althergebrachte Tradition aber doch mittlerweile fester Bestandteil der Südtiroler Adventszeit sind. Mit einem Angebot an typischen Produkten wurden sie an die heimischen Gewohnheiten angepasst und bringen jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit nicht nur Kinderaugen zum Leuchten.
Typische Südtiroler Spezialitäten findet man jedoch nicht nur auf den Weihnachtsmärkten. Es gibt sie immer und überall zu kaufen, denn schließlich schmeckt ein guter Speck mit Käse, Schüttelbrot und einem Glas Wein nicht nur im Winter. Und auch die Köstlichkeiten der Südtiroler Küche wie Spinat- und Käseknödel, Schlutzkrapfen oder Strauben sind an keine Jahreszeit gebunden. Einzig den frischen Terlaner Spargel und die knackigen Vinschger Äpfel gibt es nur zur richtigen Saison.
Serviert werden diese ganzen Delikatessen natürlich vor allem bei besonderen Veranstaltungen wie Almabtrieben, Dorffesten oder Altstadtfesten, die eng mit der Südtiroler Kultur verknüpft sind und von Touristen wie von einheimischen gern besucht werden. Eines der beliebtesten Events darunter ist das Törggelen im Herbst, zu dem Traubenmost, junger Wein, geröstete Kastanien und deftige Schlachtplatten gehören.
Einer der traditionsreichsten und bedeutungsvollsten Bräuche ist jedoch das Entzünden der Herz-Jesu-Feuer am Sonntag nach dem Fronleichnamsfest, mit dem die Schützen jedes Jahr dem Gelöbnis von 1796 gedenken, als das Land Tirol während der Revolutionskriege dem Heiligsten Herzen Jesu anvertraut wurde. Zusammen mit den Prozessionen spiegelt dieses Ritual auch den tiefen Glauben der Südtiroler wider, welcher ihre Kultur entscheidend prägt und weshalb auch viele religiöse Ereignisse gefeiert werden.
Auch die Südtiroler Trachten waren einst ein Ausdruck der Religiosität. Sie unterschieden sich in Details zwischen den einzelnen Tälern und zeigten so auch die Verbundenheit zur Heimat.
Die Männer trugen ein Hemd aus Leinen oder Baumwolle, darüber eine Weste in der ortsüblichen Farbe, Loden- oder Lederhosen mit Trägern, einen Gürtel mit Klöppelstickereien, weiße oder bunte Strümpfe und seitlich geschnürte Lederschuhe.
Zur traditionellen Tracht der Frauen gehörten eine weiße Bluse, ein Mieder und ein herzförmiger Latz, lange Röcke aus Wiefling oder Loden, gehäkelte Strümpfe und schwarze Schuhe.
Damals war dies die Alltagskleidung der Südtiroler, heute wird sie nur noch zu besonderen Anlässen getragen und das traditionelle Kleid wird meist durch das modernere und praktischere Dirndl ersetzt.
Ein weiteres Detail der Frauentracht ist die geklöppelte Spitze, eine Handarbeit, für die das Tauferer Ahrntal bekannt ist. Die Spitzenklöppelei entstand nach der Schließung der Kupferminen 1893 aus einer Not heraus und ist heute eines der bedeutendsten Kunsthandwerke Südtirols. Ein weiteres ist die Grödner Holzschnitzerei, die Anfang des 17. Jahrhunderts entstand und deren Unikate mittlerweile mit einer Qualitätsplakette der Handelskammer versehen werden.
Gröden ist jedoch nicht allein für seine Holzschnitzkunst bekannt, sondern auch als eines der fünf Ladinischen Täler in den Dolomiten. Die Ladiner sind eine ethnische Minderheit in Südtirol und besitzen noch einmaleine ganz andere Kultur, welche noch viel ursprünglicher scheint als im Rest des Landes. Sie unterscheiden sich vor allem in ihrer Sprache, ihrer Küche, ihren Traditionen und trotz des wachsenden Tourismus bleiben sie ihrer Lebensweise treu.
All diese Besonderheiten und feinen Unterschiede sind es, die Südtirol zu einem so attraktiven, interessanten und vielfältigem Ort machen. Trotz allen Fortschritts hat es seine Traditionen bewahrt und trotz aller Ursprünglichkeit hält es immer mit der Zeit schritt. Genau diese Mischung gibt dem Land seinen einzigartigen Charakter und lädt jeden zu einer außergewöhnlichen Entdeckungsreise ein.


























